Drehbuch: Irina Abramowna Amenuel erinnert sich:
Brief an Stalin

Irina Amenuel, geb. 1924 in Moskau. Ihr Stiefvater Zsjan-Sy-Jan wurde 1938 verhaftet und erschossen. Ihre Mutter Klawdia Majazkaja schrieb einen Brief an Stalin und forderte Gerechtigkeit. Sie wurde verhaftet, verurteilt und starb im Lager. Irina wurde von der Schule verwiesen und verlor mehrmals ihre Arbeitsstelle. In den 1990er Jahren arbeitete sie aktiv in der gesellschaftlichen Organisation zur Hilfe für Opfer politischer Verfolgungen mit.

Onkel Jan
Meine Mutter, Klawdia Majazkaja, war Hausfrau, sie hatte aber immer als Schreibkraft gearbeitet.
Mama und ich wohnten in der Worowskistr. 28, Wohnung 13. Da war ein langer Korridor. Es war so eine große Gemeinschaftswohnung, eine Kommunalwohnung, in der 36 Personen wohnten. Es gab zwei Küchen, eine Küche war gegenüber unserem Zimmerchen. Das Zimmer hatte 18 Quadratmeter, aber so ein längliches, enges. Und die große Küche hatte 12 Tische, aber die uns gegenüber vier Tische. Also 16 Tische. Aber dieser lange Korridor, wo wir Kinder mit Fahrrädern und mit allem möglichen herumfuhren, war wie eine Straße.
Eine unserer Schwestern, Alja, war mit einem Chinesen verheiratet. Ihr ging es sehr gut. Die Chinesen mochten russische Frauen gern. Und sie machten Mama mit Onkel Jan bekannt. Ich kann kaum über ihn sprechen (hält die Tränen zurück). Unser Leben war so ein Luxus, nachdem Onkel Jan zu uns gekommen war. Gott, es fällt mir schwer, mich daran zu erinnern. Er kochte, er verwöhnte Mama ganz so wie eine Königin. All unsere Nachbarn, es waren ja so viele, sagten: „Was hat Klawdia doch für ein Glück! Was für einen Mann hat sie!“ Wenn er kochte, lief das ganze Haus zusammen, weil die chinesische Küche, die er komplett kannte, so gut roch. Er hatte seinerzeit in einer Kantine gearbeitet. Er stammte aus der Mandschurei.
Und er kochte sagenhafte chinesische Pelmeni. Das war vielleicht eine Delikatesse! Und alle kamen in die Küche und sagten: „Jan kocht.“ Und er hat ihnen allen, allen, was abgegeben.
Aber dann begannen in Moskau die „schwarzen Raben“ herumzufahren. Es war bereits 1937. Es gab Gerüchte darüber, wie viele Volksfeinde es gab. Oje. Und 1938 kam es zu solchen Gesprächen zwischen Mama und Onkel Jan, etwa: sie haben diesen und jenen verhaftet, den und den abgeholt, die Chinesen sind verschwunden, es gibt keine Chinesen mehr in der Stadt. Damals. Und plötzlich verhaften sie Onkel Jan. Mama weint, ich weine, und ihn bringen sie weg. Ich war dabei. Das war’s. Sie haben Onkel Jan abgeholt.

Verzweiflung
Sie litt furchtbar unter seiner Abwesenheit. Sie suchte alle Stellen auf. Brachte ihm Pakete. Wir hatten selbst nichts zu essen, und sie sagte: „Nein, nein, ich bringe es Jan. Jan ist im Gefängnis. Ich bringe es ihm.“
Wir hungerten sehr, Mama wurde an keiner Arbeitsstelle angenommen, wir verkauften alles im Haus. Unsere Wohnung wurde leer.
Dann kam das Jahr 1942. Brot – es wurden Karten ausgegeben, und etwa einmal alle fünf Tage bekamen wir 400 g Schwarzbrot. Nicht für die ganze Woche, sondern eben so lang. Jede Woche fragten wir nach, ob Brot gebracht worden ist oder ob es keines geben wird. Ja, hieß es, morgen gibt es Brot. Mama stellte sich um 5 Uhr früh in die Schlange.
Als Mama mit diesem Brot herauskam, entriss ihr ein Gauner dieses Brot. A- Sie hatte fünf Stunden für dieses Brot angestanden! Sie kam nach Hause, schlug mit den Fäusten gegen die Wand und schrie: „Stalin weiß davon nichts! Das sind alles die Leute in seiner Umgebung! Er weiß das nicht. Ich werde ihm schreiben. Ich schreibe das alles an Stalin! Ich bringe ihm den Brief persönlich in den Kreml.“
Sie schrieb daran mehrere Tage. Ein paar Tage, dann legte sie sich hin und dachte nach, stand wieder auf und schrieb weiter. Sie ging davon aus, dass man sie anhören und mit ihr sprechen würde, wie es sich gehört. Und sie schrieb hier diesen Brief an Stalin. Einen Brief an Stalin. Sie konnte sehr gut schreiben.

Der Brief an Stalin
A. K.: Irina Abramowna, bitte lesen Sie uns doch diesen Brief Ihrer Mutter vor. Was hat sie geschrieben?
Sie hat mutig geschrieben, sehr mutig.
„Genosse Stalin! Sie lehren, ausschließlich die Wahrheit zu sagen. Sie lehren zu kritisieren und ohne Ansehen von Person und Stellung auf Fehler aufmerksam zu machen. Sie sagen, man muss auf die Stimme der Massen hören und auch die kleinen, unscheinbaren Personen beachten. Ich bin so eine kleine, unscheinbare Frau, und ich komme jetzt zu Ihnen, dem großen Stalin, und sage Ihnen – Sie machen das nicht richtig. Sie sind kein Zar, sondern nur ein Diener des Volkes. Sie sind ein vom Volk gewählter Vertreter.
Wenn die Leute keine Angst hätten und jeder frei seine Gedanken äußern könnte, würde unsere Regierung sehen, welch schrecklicher Betrug in jedem Wort der Agitation und Propaganda steckt. Auf Versammlungen, immer, wenn man von Mängeln sprechen müsste, um sie zu beseitigen, ist immer nur das offizielle ‚Hurra‘ zu hören. Wenn man unter vier Augen spricht, hört man immer dasselbe: ‚Ja, wenn man die Wahrheit sagt, dann kommt man gleich ins Gefängnis oder wird erschossen.‘ Zum Zaren hat sich das Volk in Massen begeben. Zu Ihnen, Genosse Stalin, bin ich allein gekommen. Aber solche wie mich gibt es Millionen. Sie schweigen alle, sie fürchten, dass andernfalls mit ihnen abgerechnet wird.“
Mama hat also Stalin diesen Brief geschrieben. Und danach hat sie ihn selbst hingebracht.
Beim Weggehen sagte sie: „Ich gehe jetzt, ich bringe Stalin den Brief. Ich habe dir den Brief unter die Lampe gelegt.“ Sie sagte nicht, „unter die Lampe“, sondern: „Ich habe dir den Brief dagelassen.“
„Mach dir keine Sorgen um mich, wenn sie mich nicht wieder weglassen, es ist richtig, was ich tue, denn für Dich wird es einfacher und leichter ohne mich sein.“ Sie meinte, dass ich dann zwei Zuteilungshefte für Brot haben würde. Zwei. Sie hat mich sehr geliebt.

Nach der Verhaftung der Mutter
Ich wartete ein paar Tage, dass Mama wieder auftauchte. Dann, als sie mich bereits aus der Schule relegiert hatten, fing meine eigene Geschichte an.
Ich war in der zehnten Klasse. Ich kam in die Schule, die Direktorin kam und sagte: „Majazkaja, verschwinde! Kinder von Volksfeinden unterrichten wir hier nicht. Verschwinde! Und lass dich hier nicht mehr sehen!“ Und die ganze Klasse brüllte: „Ja! Ja! Weg, fort mit den Volksfeinden!“ Und ich bin allein draußen, habe keine Verwandten und überhaupt niemanden, alle haben Angst. Ich dachte, ich gehe zu einer guten Freundin von Mama.
Ich sage ihr: „Tante Katja, was soll ich machen? Sie haben Mama verhaftet.“ „Was, Mama verhaftet?“ Es gab ja solche Häuser, die einem Hinterausgang hatten. Sie führte mich zu so einem Hinterausgang raus. Sie hatte sogar vor den Wänden Angst, als ob die Wände Ohren hätten, sie sah sich überallhin um und sagte: „Vergiss den Weg hierher! Was richtest du an? Sie werden uns auch verhaften! Verstehst du das nicht?“ Ich ging. Ich gehe raus und denke, was mache ich jetzt? Ich gehe nach Hause, da sind viele Nachbarn. Als ich ankam, war die Küche voller Leute. Alle reden miteinander. Ich denke, was sie wohl reden. Sie sahen mich – und niemand blieb da, kein einziger. Was sollte ich tun? Ich war ganz allein.
Ich war völlig isoliert, alle wichen mir aus. Ich war wie eine Aussätzige.
Die Chinesen haben mir etwas geholfen. Die Chinesen sind übrigens gute Menschen. Es ist ein gutes Volk. Freundschaftlich.
Ich fand Arbeit in einer chinesischen Kantine. Ich lernte einen Chinesen kennen, seinen Namen habe ich vergessen, er war ein junger, angenehmer Mensch. „Ach Rinka, komm zu uns, Du kannst bei uns als Kellnerin arbeiten.“
Und dieser Mischa, meine Liebe, sagte: „Ich werde dich heiraten. Weine nicht!“ Da kam seine Mutter zu mir und sagte: „Mein Mischa sagt, ihr wollt heiraten. Auf keinen Fall!“ Sie kniete vor mir nieder, umarmte meine Beine und sagte: „Was tust du! Du weißt doch, dass er überall Einser hat. Er ist so einer!“ Dieser Mischka hat wirklich viel in der Weltraumforschung geleistet, er ist eine bedeutende Person geworden. Sie sagte: „ Auf keinen Fall!“ Sie schloss ihn zu Hause ein.

Heirat
Und in diesem Monat, in dem er zu Hause festsaß, bemerkte ich, dass ich schon beschattet wurde. Mama hat in den Verhören offenbar – ich habe das später erfahren – gesagt: „Meine Tochter soll so werden wie ich auch.“ Und alles in dem Sinn. Und da fingen sie an, mich zu beschatten. Ich erinnere mich nicht mehr, aber irgendwelche Leute interessierten sich schon für mich. So dass ich dachte, ich werde wenn auch nicht gleich, aber auf lange Sicht aber doch wie Mama verhaftet werden.
Und eine Nachbarin sagte mir: „Irina, was weinst du um Mischka – komm, gehen wir zu einem Abend – weißt du, da sind Soldaten gekommen. Sie haben so viel süße Kondensmilch mitgebracht!“ Und ich ging mit. In dieser Gesellschaft lernte ich ihn kennen, er hieß Sascha. Wir unterhielten uns. Er sagte: „Es ist so schön in Moskau!“ Und ich: „Und möchten Sie in Moskau bleiben, ja?“ So gewann ich ihn. Ich glaubte, es würde Zeit für mich. Sein Name gefiel mir – Amenuel.

Wir besprachen das und wurden uns einig, zum Standesamt zu gehen und zu unterschreiben. Und ich hieß Amenuel. Und was denken Sie? Man wich mir immer noch aus. Weil er ein Leutnant von der Front war.
Ich wäre auch hineingeraten, wenn ich nicht umgehend geheiratet hätte.
Wir waren vollkommen verschiedene Menschen, völlig gegensätzlich. Was für ein Unterschied zwischen uns!
Ich habe mir mein ganzes Leben verdorben. Sie hat mir das ganze Leben verdorben.

Ausbildung
Dann, als ich die juristische Ausbildung abgeschlossen hatte – nach der Schule hatte ich alles verschwiegen und gesagt, meine Eltern seien gestorben – schickten sie mich in eine Anwaltskanzlei in der Krasnaja Presnja. Das lief sehr gut. Bis heute – ich bin bald 90 – tut es mir leid, ich wäre eine gute Anwältin geworden, Ehrenwort.
In Kürze hätte ich eine höhere juristische Ausbildung gehabt. Ich wäre in der Anwaltskanzlei geblieben, wenn ich Idiotin nicht jemandem anvertraut hätte, was für eine Biografie ich habe.
Jemanden erzählte ich von meinem Leben, dass ich – dass meine Eltern nicht gestorben sind und dass ich ein Volksfeind bin. Zwei Tage danach wurde mir empfohlen, aus eigenem Wunsch, aus Gesundheitsgründen auszuscheiden. Ich habe die Bescheinigungen hier. Ich schied wegen Krankheit aus und stand wieder auf der Straße.
Was sollte ich tun? Ich nähte. Das machte mir keinen Spaß. Ich mag das bis heute nicht, ich nähe nicht gern. Ich nähe nicht gern, aber ich mag diese ganze Theorie. Und ich ging, wieder mit einer Lüge, eine Schneiderfachschule.

Klawdia Majazkajas Ermittlungsakte
Sobald es möglich wurde, schrieb ich sofort und ging hin. Ich habe die Akte von Onkel Jan gesehen, erst seine Akte, und dann die von Mama.
Also einmal habe ich das gelesen. Als ich alles gelesen und ihre Akte studiert hatte, stellte ich fest, dass am Ende jedes Blattes ihre Unterschrift steht. Und ich sah, dass „Majazkaja“ – irgendwie schief geschrieben ist. Es sieht nicht aus wie ihre Unterschrift. Was heißt das? Weiter heißt es, dass laut einem medizinischen Gutachten Klawdia Majazkaja frühestens nach 20 Tagen zum Verhör gerufen werden sollte, weil sie sich in der Aufregung die Schulter gebrochen und die linke Gesäßbacke ausgerenkt habe.
Oh, was habe ich da geweint, ich erinnere mich noch! Ich wusste nicht aus noch ein. Ich habe mir das alles vorgestellt. Ich habe mir Vorwürfe gemacht, dass ich sie habe gehen lassen. Das hätte ich nicht tun dürfen, ich hätte sie mit allen Mitteln festhalten müssen. Aber ich ließ sie gehen, und jetzt sehe ich, wie es geendet hat.
Sie war 42, als sie starb. Unter welchen Umständen, das weiß ich. Ich weiß es, ich habe das gelesen. Sie war in einem Lager, wo es so viele Läuse gab, dass sich die Kleidung mit ihnen bewegte. Man hat sie mit der Wäsche und der Kleidung in heißes Wasser gelegt, um diese Läuse zu töten. Unter solchen Umständen starb sie an Auszehrung, an allem. Geschrieben haben sie, sie sei an Tuberkulose gestorben. Nein, an einer Lungenentzündung.
Es ist schrecklich, was 1942 geschah, gerade als Mama dort war, wie sie da gestorben sind. Es herrschte dort solcher Hunger. Und die Organismen der Häftlinge waren geschwächt, nervös und schwach – und all das in kürzester Zeit. Sie hat da acht Monate gelebt. Kein ganzes Jahr.
Sie hatte einen Brief an Stalin geschrieben.

Drehbuch:
Aljona Koslowa, Irina Ostrowskaja (MEMORIAL – Moskau)

Kamera:
Andrej Kupawski (Moskau)

Schnitt:
Sebastian Priess (MEMORIAL – Berlin)
Jörg Sander (Sander Websites – Berlin)

Übersetzung/Untertitelung:
Irina Raschendörfer (MEMORIAL – Berlin)

© MEMORIAL International 2012

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