Drehbuch: Frauenarbeit in den Lagern

Frauen haben in den Stalinistischen Lagern die gleiche Arbeit wie Männer ausgeführt — in den Gruben, beim Holzfällen, auf dem Bau… Aber für die Frauen, denen die Lager ihre Familie und ihre Jugend nahmen, war diese Arbeit nicht nur schwer, sie war begleitet von Erniedrigung und Gewalt.

Jelena Markowa wurde 1923 in Kiew geboren. Ihre Eltern wurden verhaftet, der Vater 1937 erschossen. 1941-1943 befand sie sich unter der Besatzung im Gebiet Donezk. Nach der Befreiung des Gebietes durch die Sowjetarmee wurde sie vom NKWD verhaftet und zu 15 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. 10 Jahre lang war sie Häftling in Workuta. Rehabilitiert. Doktor der technischen Wissenschaften. Lebt in Moskau.
Anna Matljuk (Peza) wurde 1927 im Dorf Tischkowzy im Gorodenskowski Bezirk, Gebiet Stanislawsk geboren. 1944 wurde sie der Beteiligung an Ukrainischen Aufstandsorganisationen beschuldigt und zu 10 Jahren Besserungsarbeitslager verurteilt. Diese verbüßte sie auf der Baustelle Nr. 501, nach deren Schließung wurde sie zu allgemeinen Bauarbeiten in ein Speziallager im Bezirk Irkutsk gebracht. Rehabilitiert. Arbeitete als als Krippenerzieherin. Lebt in Petschora, Republik Komi.
Ioanna Murejkene (Ulinauskajte) wurde 1928 in Kaunas geboren. 1944, nach der Rückkehr der Sowjetarmee, unterstützte sie den antisowjetischen Widerstand, wurde verhaftet und zu 10 Jahren Besserungsarbeitslager verurteilt, die sie bis 1956 in der Republik Komi, Tajschet (Sibirien) und Norilsk (Region Krasnojarsk) verbüßte. Sie beteiligte sich aktiv am Norilsker Lageraufstand. Kinderärztin. Lebt in Vilnius.
Susanna Petschuro wurde 1933 geboren. Sie wurde 1951 im Alter von 17 Jahren verhaftet, zu 25 Jahren Arbeitslager verurteilt, die sie bis 1956 in den Lagern Inta, Abes und im Zentralgefängnis Wladimir verbüßte. Rehabilitiert. Historikerin und Archivarin. Lebt in Moskau.
Jelena-Lidija Posnik (Kosmina) wurde 1924 geboren. 1945 wurde sie verhaftet und zu 15 Jahren Straflager verurteilt. Sie verbüßte die Haft im Gebiet Archangelsk, in der Region Krasnojarsk und Kolyma. Rehabilitiert. Arbeitete als Deutschlehrerin. Lebt im Moskauer Gebiet.
Vera Chudjakowa (Gekker) wurde 1922 in Potsdam geboren. Im gleichen Jahr siedelte die Familie nach Sowjetrussland über. 1938 wurde ihr Vater erschossen und die Mutter festgenommen. Die Schwestern Marsella, Alissa und Vera, Studentin an der Musikhochschule, wurden im September 1942 festgenommen und zu 5 Jahren verurteilt. Vera verbüßte diese in Lagern in Kirgisien, Usbekistan, in Sibirien und Kasachstan. Musiklehrerin. Lebt im Moskauer Gebiet.

Jelena Markowa
Die «Männer-Frauen-Frage» war für uns sehr quälend. Und die jungen Mädchen gerieten sofort unter irgendwelche Bedingungen, wenn, also, bestimmte Forderungen, dort, vorzuführen der männlichen Leitung. Wenn du abgelehnt hast, kamst du ins Bergwerk. Also geriet ich sehr schnell ins Bergwerk.
Und dort, unter Tage, hatte ich eine für mich neue Arbeit, an den Loren. Damals gab es noch keine Pferde unter Tage. Also in den Jahren, von denen ich hier rede. Später kamen die Pferde. Und die Strafgefangenen haben anstelle der Pferde die Kohleloren den Stollen entlang gezogen. Und ich war eine davon.
Oder dieser Streckenbau für die Eisenbahn. Das war übrigens auch eine schreckliche Arbeit.
Nicht in den Bergbau, das schien schon Glück zu sein. Aber was hieß das? Wir verlegten Eisenbahnschienen, die sich vom Lager immer mehr entfernten. Das bedeutete, dass wir immer weiter, immer weiter zum Ort der Arbeit laufen mussten. Und am Ende waren es 10 Kilometer, die wir laufen mussten, dann 10 Stunden unter freiem Himmel arbeiten, an den Schienen, und dann 10 Kilometer zurück laufen. Das war nicht unter Tage, sondern oben, an den Gleisen. Aber wir waren so erschöpft, dass wir in der ersten Zeit — daran erinnere ich mich noch jetzt sehr gut — nach diesen 10 Kilometern Hinweg, 10 Kilometern Rückweg, in der schweren Kleidung, die Schaufeln geschultert, wie bewusstlos und ohne uns auszuziehen auf die Pritschen fielen. Bewusstlos. In den ersten Tagen sind wir am Abend nicht einmal mehr zum Abendessen gegangen, oder zum Mittagessen dort. Wir bekamen zum Schluss das Mittagessen und Abendessen zusammen. Wir hatten keine Kraft mehr, in den Speisesaal zu gehen.

Ioanna Murejkene
Meistens haben wir sehr, sehr schwer gearbeitet. Wir gingen Torf stechen. Im Winter musste man den Schnee wegschippen, und der Torf war nicht gefroren, er gefriert nicht. Zuerst gibt es eine gefrorene Schicht, aber dann ist er warm. Er gefriert nicht. Warum er ausgegraben werden sollte, das wusste niemand. Vielleicht nur, damit wir etwas zu tun hatten, damit wir arbeiteten. Und wir, wissen Sie, dieser Torf war nass, wir haben ihn gestochen, die Filzstiefel wurden nass, alles nass, den ganzen Tag standen wir in diesem Moor. Dann liefen wir nach Hause, die Filzstiefel gefroren, das kann man gar nicht erzählen, wie es da war. Du kamst, hattest nichts zum Trocknen, morgens am Ofen, an dieser Tonne mussten wir alles trocknen, die Kleidung und alles.
Wie wir dort gearbeitet haben …? Wir haben Bäume gefällt und Holz gehackt. Es gab eine sehr strenge Norm, man musste sechs hohe Kiefern fällen mit einer Handsäge, keine mechanische, eine Handsäge. Dschi-ru-dschi-ru. So haben wir gearbeitet, wissen Sie, und dann wurden die Kiefern zerlegt, die Zweige mussten abgeschlagen werden und der Stamm in drei Teile mit sechseinhalb Metern geschnitten, in drei Teile. Sechs solche Kiefern, so war die Norm. Also, es war eine sehr schwere Arbeit.

Vera Chudjakowa
Normen, die gab es natürlich. Aber die Arbeit, die ich machen musste, die konnte keine Norm haben, das war keine Norm, das war so im Allgemeinen. Nun, was kann eine, sagen wir, eine kranke Frau oder eine alte Frau oder wer auch immer schaffen? Wir hatten also keine Norm. Jede hat einfach gegraben wie sie konnte. Wir haben sehr, sehr wenig geschafft.

Anna Matljuk
Und zu der ersten Baustelle Nr. 501 wurden wir gefahren.
Aber da waren 50-60 Grad Frost. Es war bitterkalt. Und so sind wir gelaufen. Jeden Tag wurde kontrolliert, ob noch alle da waren, ob wir noch alle lebten. So dass man sie gerade so sehen konnte, nach unten, und das Gesicht war schon nicht mehr zu sehen. So ein starker Frost und so ein Raureif.
Stellen Sie sich vor, Frauen trugen die Gleise, die Schienen, wir haben die Strecke verlegt. Die Eisenbahnstrecke dorthin. Sie war schon ein Stück fertig. Es kamen LKW mit Drehtrommeln mit Sand, mit Kies. Es war so, dass wir zwei Tage diese Mischer ausgeladen haben, an ein und demselben Ort. Das alles ist irgendwo weggegangen. So. Wie in einen Fluss. Und da wie in ein Bächlein. Aber die Gleise haben wir getragen. Ich erinnere mich an 19 junge Frauen. 19 Frauen haben sie genommen. Und da war noch ein Mann, so eine Art Vorarbeiter, oder Meister war er an dieser Strecke. Er hatte so einen Stab, hat alles gemessen. Wir haben die Schwellen verlegt, das Gleisbett verdichtet, alles. Also, ich weiß, wie „leicht“ eine Schiene ist.

Jelena-Lidija Posnik
Und dann kam ich zu den allgemeinen Arbeiten. Aber was war das? Es hieß dort Kassiterit. Und jetzt wird es, soweit ich weiß, Uranit genannt. Da ist so ein schwarzes Gestein, sehr schwarz. So wie Granit, können Sie sich das vorstellen? Das ist alles so schwarz gesprenkelt. Und es ist radioaktiv. Es geht Strahlung davon aus. So. So ein Säckchen, das sind 50 Kilogramm. Dann kriegte ich eine andere Arbeit. Natürlich waren das allgemeine Arbeiten. Wohin? Sie gaben uns so eine Kiste, so eine. So groß. Also, da unten wurde gesprengt. Der Sand wurde da hinein gegeben. Du trugst es auf den Schultern, dort wurde es geöffnet und ausgekippt. Und beim Auskippen flog es irgendwohin. In die zweite Sohle. Und davon gab es fünf. Das heißt, da wurde noch weiter unten gesammelt. Und noch tiefer, da verlief das Grubenwasser. Und transportierte das alles weiter zur Aufbereitung. Kurz, bis du an der Stelle ankamst, wo alles ausgekippt wurde, wie viel ist da heruntergefallen, wie viel kaputt gegangen. Gestein. Solche Batzen. Aber ich hatte keine Angst. Wenn ich fiel, nun ja. Ich dachte daran, wie meine Mutter leidet. Es tat mir nur leid um meine Mutter.

Susanna Petschuro
Das waren Erdarbeiten. Das heißt, wir sollten den Dauerfrostboden mit diesen… mit Spitzhacken aufschlagen, die Stücke auf Tragen legen und 300 Meter weit tragen. Dort sollten wir alles abladen und feststampfen. Als dort alles gefroren war, sollten wir dort das Gleiche machen und alles zurück bringen. Und unser Vorarbeiter sagte: «Ich brauche eure Arbeit nicht, ich will euer Leiden».

Vera Chudjakowa
50 Kilometer von Frunse entfernt, es hieß Belowodsk. Dort wurde eine Zuckerfabrik gebaut. Es gab Felder mit Zuckerrüben, und eine Fabrik wurde gebaut.
Und wir haben gegraben, die Erde mit Schubkarren weggeschafft. Die Erde haben wir weggebracht, irgendeinen Damm bauten sie dort, irgendwas Eigenartiges. Jedenfalls haben wir die Erde irgendwo ausgekippt und dann zurück. Da waren solche Bretter, Planken, und darüber musste man mit der Schubkarre balancieren, sie füllen und zurück. Mir hat das gut gefallen, weil wir draußen waren, an der Luft, und ich barfuß. Mir hat jede Arbeit gefallen. Nun, ich hatte schon ein Jahr im Gefängnis gesessen, ohne Arbeit. Klar hat es mir Spaß gemacht. Aber die Bedingungen waren schon erschreckend.

Ioanna Murejkene
Erdarbeiten. Wir hoben mit Spitzhacken die ganze Kanalisation unter Norilsk aus, diese ganze Anlage. Sie ist mit Frauenhänden ausgehoben, Stück für Stück mit Spitzhacken ausgehöhlt. Oft haben wir nachts gearbeitet, im Winter wie im Sommer. Solange wir noch im Graben waren, haben wir zusammen gearbeitet, konnten uns gegenseitig sehen. Aber in Norilsk waren alle Häuser auf Pfählen gebaut, auf solchen Betonpfeilern. Und man musste sie – die Pfähle reichten neun Meter in die Tiefe. Also musste man im Dauerfrostboden graben, im ewigen Dauerfrostboden – neun Meter tief. Also, wir wurden hingebracht, verteilt, nach diesen… wurde abgemessen. Solange du noch oben warst, konntest du die andere sehen, noch reden und alles. Aber wenn du schon in der Tiefe gegraben hast, wenn du schon sechs Meter tief warst, dann warst du ganz allein. Und dann war es, wissen Sie, einfach schrecklich.
I.O. Wie in einem Grab.
I.M. Wie in einem Grab. Manchmal dachtest du, du bleibst dort. Mit Eimern wurde dieser Lehm herausgeholt, diese Erde, dir wurde ein Eimer heruntergelassen und du hacktest weiter, machtest den Eimer voll, und er wurde wieder heraufgeholt. Nun, so haben wir gearbeitet, solange bis du neun Meter ausgehoben hattest. Nachts, immer nachts, meistens haben wir nachts gearbeitet. Als wir diese Arbeit gemacht haben, gab es sehr wenig zu essen, wir waren hungrig…

Jelena-Lidija Posnik
Aber im April wurden wir trotzdem zur Arbeit geschickt. Wohin? Zum Bäumefällen, zum Waldroden. Was war für Holz? Nun, die größte Tanne, die ging vielleicht bis unter die Decke. Aber der Schnee reichte bis zur Taille. In der Dunkelheit fuhr man mit uns 5 Kilometer weit. Wurden weggebracht, dorthin. Allesamt. Und ich dabei. Niemand sonst war dort. Man brachte uns dorthin. Also, zwei Kubikmeter musste man sägen, auf Schlitten laden und hinunter bringen. Aber sägen musste man oben. Mit mir wollte keiner arbeiten. Erstens konnte ich weder eine Säge aussuchen, zweitens nicht sägen. Eine Ukrainerin kam zu mir und sagte: «Ich bin gläubig und soll anderen Menschen helfen. Komm, ich säge mit dir.» Und so hab ich mit diesem Mädchen gearbeitet, sie war nicht älter als ich — die Schlitten, also, so lang. Man sägte einfach zwei Meter in der Länge und zerteilte dann diese. Aber um von einem Baum zum nächsten zu kommen, legte man die Säge hin und kroch. An der Säge festhalten musstest du dich, um nicht einzusinken…

Vera Chudjakowa
Und da gingen wir zur Arbeit auf dem Feld. Wir liefen den ganzen Tag dorthin, und das war natürlich schrecklich, weil nicht alle gehen konnten, so wie ich. Ich laufe jetzt noch gut. Ich war noch jung, selbst auch schwach, aber gehen konnte ich immerhin. Aber einige konnten einfach nicht laufen, und natürlich, das war furchtbar, wenn sie hinfielen.
Nun ja, wie viele waren das, vielleicht 20 oder so, ich weiß nicht, aber nicht viele. Und wir liefen in Viererreihen. Aber wenn jemand fiel und nicht mehr laufen konnte, dann ging das los. Die Wachen spielten verrückt, drohten zu schießen… Grauenvoll!

Ioanna Murejkene
Es gab verschiedene Arbeiten. Wir wurden zur Siedlung Siwomaskinski gebracht, Waggons ausladen. Das war eine schwere Arbeit. Wenn Bretter geliefert wurden, mussten wir diese ausladen. Wenn Kohle geliefert wurde, wurde es ganz schlimm. Kam ein Waggon mit Kohle, musste diese mit Schaufeln ausgeladen werden. – an den Eisenbahngleisen. So kamen wir schrecklich, schwarz, voller Staub zurück. Sehr Schlimm waren auch die Zementlieferungen. Der Zement wurde in Säcken geliefert, die Säcke rissen. Es staubte, aber trotzdem mussten wir den Zement ausladen. So haben wir diesen Zementstaub eingeatmet, die Augen wurden rot, die Haare voller Zement, alles – nun, es war eine ganz schwere Arbeit. Ich bin, wenn man mir den Sack auf die Schultern legte, einfach zusammen gebrochen unter diesem Sack. Alle haben gelacht: „Los, los! Daran gewöhnst du dich.“ Und tatsächlich, langsam, ganz langsam, zuerst bin ich hingefallen, dann bin ich gebückt gelaufen. Und dann habe ich mich aufgerichtet und lief mit dem Sack, so, wissen Sie [lacht]…
Sehr schwer war die Arbeit in der Ziegelei. Es gab eine Ziegelei, wo Ziegel hergestellt wurden. Sie wurden nicht geliefert, sondern dort hergestellt, und ganz Norilsk wurde mit diesen Ziegeln gebaut. Viele Männer haben in dieser Ziegelei gearbeitet. Und uns, die Frauen, schickte man an die Öfen. Und dort…, wenn es eine Hölle gibt, dann waren wir schon dort. Ich hab immer gesagt: Wir haben dort schon für all unsere Sünden gezahlt.” Weil diese Öfen von unten geheizt wurden…
Aber diese Hitze! Solche Hitze! Damit der Lehm auftaute, musste es sehr heiß sein. Solche Hitze, dass wir es schon nicht mehr aushielten. Und dass wir unsere Schaufeln mit dem Lehm schon nicht mehr anheben konnten. Zwölf Stunden haben wir gearbeitet. Unser Arbeitstag war zwölf Stunden lang. So, zwölf Stunden haben wir diese Arbeit gemacht. Manchmal, wenn uns der gefrorene Lehm gebracht wurde, wir waren schon so verschwitzt, schon so ermüdet, dass wir uns auf diesen gefrorenen Lehm gelegt haben, um uns ein wenig…
Der Durst war schrecklich. Trinken wollte man! Und es schien so, nun, noch eine Minute, noch zwei und du fällst um. Das war´s. Aber irgendwie hat man es doch geschafft und kehrte wieder zurück. Und wenn man dort ankam, dann schlief man sofort ein, sofort Aber dann musste man auch schon wieder aufstehen, und alles begann von vorn.

Susanna Petschuro
Und nach dieser Arbeit brachte man uns wieder zurück. Also, an diesem Tag hatte ich mir mit der Spitzhacke ins Bein gehauen. Aber die Arbeit dauerte zwölf Stunden. Man durfte sich nicht hinsetzen. Nirgendwohin. Austreten – entschuldigen Sie den Ausdruck – konnte man auch nicht. Im Allgemeinen hatten wir Wattehosen. Kein Essen. Nur dieses gefrorene Brot, das wir bei uns trugen. Und es war gut, dass es gefroren war, weil man es lutschen konnte. Sonst hätten wir es gleich aufgegessen

Jelena Markowa
So. Das Mutter-Kind-Lager. Also, in den Besserungsarbeitslagern gab es noch vor unserer Zeit – also seit 1937 – offizielle Gefangenenlager für Mutter und Kind, wo sich Gefangene befanden. Das war noch vor den Zwangsarbeitern. Es gab verschiedene Geschichten, als man beispielsweise die Trotzkisten verhaftete. Auch Bekannte von mir traf es. Sie kamen schwanger ins Gefängnis oder ins Lager und bekamen dort ihr Kind. Und sie kamen in die offiziellen und seit den 1930er-Jahren im Norden der Komi Republik bestehenden Lager für Mütter und Kinder. Und dort blieben sie so lange mit den Kindern, bis man sie ihnen wegnahm und in ein Kinderheim brachte.
Doch das Kind eines Zwangsarbeiters kam nicht in ein ITL, wo es ein Mutter-Kind-Lager gab.
In der Männerzone wurde eine spezielle Baracke ausgewählt. Und da brachte man alle dort geborenen Kinder unter. Zuerst waren es zehn, dann 16, aber dann waren es 100 und mehr. Ich weiß darüber so gut Bescheid, weil ich dort als Erzieherin gearbeitet habe. Zuerst als Krankenschwester, aber dann stellte sich heraus, dass die Kinder, denen das Kinderheim bevorstand, kein Russisch sprachen. Weil unsere Strafgefangenen hauptsächlich aus den besetzten Gebieten stammten. Wer war das? Der Löwenanteil kam aus der Ukraine. In der Westukraine wurde kein Russisch gesprochen. Dann das Baltikum. Das waren Deutsche, Polinnen. Sie kamen alle aus den besetzten Gebieten. Jede Mutter hat mit ihrem Kind in ihrer Muttersprache gesprochen. Die Kinder wurden größer, ihnen stand das Kinderheim bevor, aber sie sprachen kein Russisch.
Und man beschloss, wenn schon so eine Strafgefangene da war, die immerzu nur lernen wollte, dann kann sie auch den Kindern etwas beibringen. Und tatsächlich begann ich, diese Kinder zu unterrichten. Diese Lagererlebnisse gingen mir sehr nahe.
Die Kinder befanden sich bis zum Alter von drei, vier Jahren zusammen mit der Mutter im Lager und wurden von mir erzogen. Wir standen uns sehr nahe, und alle Mütter waren mir – der Erzieherin – sehr dankbar, weil sie sahen, dass ihre Kinder malten, mit den Bildern spielten. Es gab Aufführungen und Konzerte.
Eigentlich haben wir eine gigantische Arbeit dort geleistet, um ihnen Bedingungen zu schaffen, die nicht an ein Strafgefangenenlager erinnerten.

Drehbuch:
Aljona Koslowa, Irina Ostrowskaja (MEMORIAL – Moskau)

Kamera:
Viktor Griberman (Riga)
Andrej Kostjanow (Moskau)
Andrej Kupawski (Moskau)
Iwan Kupzow (Moskau)

Schnitt:
Sebastian Priess (MEMORIAL – Berlin)
Jörg Sander (Sander Websites – Berlin)

Übersetzung:
Sabine Erdmann-Kutnevic (MEMORIAL – Berlin)

Untertitelung:
Irina Raschendörfer (MEMORIAL – Berlin)

© MEMORIAL International 2012

> Download PDF
> Zum Video
back to top