Drehbuch: Erzählungen von der Entkulakisierung

Ihre Eltern waren gewöhnliche russische Bauern. Sie lebten in großen Familien, wo es viele Kinder gab, wo alle von morgens bis in die Nacht arbeiteten. Aber als in der UdSSR die Kolchosen gegründet wurden, wurden diese Bauern als Kulaken bezeichnet. Man verschickte sie mit ihren Kindern in den Norden oder nach Sibirien. Hier ihre Berichte. .

Jekaterina Anochina, geb. 1923. Im Alter von zehn Jahren mit ihrer entkulakisierten Familie in den Norden verschickt. Ihre Eltern verhungerten innerhalb eines Jahres. Jekaterina kam in verschiedene Waisenhäuser. Sie absolvierte ein Pädagogik-Studium. Lebt in Woronesch.
Tatjana Kusmina, geb. 1921. Stammt aus einer Familie entkulakisierter Bauern. 1930 wurde die Familie in den Ural verschickt. Arbeitete in einer Möbelfabrik. Lebt in Kropotkin in der Region Krasnodar.
Maria Mikljaewa, geb. 1923. 1931 wurde ihre Familie entkulakisiert und nach Kasachstan verschickt. Arbeitete als Lehrerin in einer Schule. Lebt in Woronesch.
Nina Smirnowa, geb. 1926. Wurde mit ihrer entkulakisierten Familie in die Region Krasnojarsk verschickt. Arbeitete in einem Kindergarten. Lebt in Kropotkin, Region Krasnodar.
Maria Frolowa, geb. 1921. Stammt aus einer Kulaken-Familie. Ihr Vater wurde verhaftet und erschossen. Teilnahme am 2. Weltkrieg. Arbeit als Geografielehrerin. Lebt im Dorf Nowy Kurlak im Gebiet Woronesch.
Antonina Charetschko, geb. 1918. 1930 mit ihrer entkulakisierten Familie in den Norden ins Gebiet Archangelsk verschickt. Nach einem Jahr konnten sie fliehen und sich nach Hause durchschlagen, aber sie wurden noch am selben Tag erneut verschickt. In der Verbannung starb der Vater. Arbeit in der Kolchose des Kosakendorfs Rogowskaja in der Region Krasnodar. .

Maria Mikljaewa
Nach dem, was meine Eltern sagten, ich selbst erinnere mich nicht daran, aber meine Eltern erzählten, dass wir in einer großen Familie lebten, etwa bis zu 40 Personen. In einem großen Bauernhaus, das als „Verbindung“ bezeichnet wurde. Da war eine Diele und an beiden Seiten dieser Diele geräumige Bauernhäuser. Da lebten wir. Es waren fünf Söhne, und diese hatten wiederum ihre eigenen Familien. Kurz, bis zu 40 Personen kamen da zusammen.

Nina Smirnowa
Wer auf dem Land arbeitet, weiß, wie schwer das ist. Wir haben die Familie nur mit unserer Arbeit ernährt, und Kinder hatten wir, ich sagte es ja, zehn. Zwei starben in jungem Alter. Es galt die Familie zu ernähren und für das gepachtete Land Steuern zu bezahlen, natürlich bezahlten wir Steuern. Wir haben uns ernährt, wir litten keinen Hunger. Wir hatten Kleidung aus Leinen. Als sie 1930 mit der Entkulakisierung begannen, kaufte Mama Kattun. Wir hatten für die Feiertage Kattunkleidchen. Dieser Kattun wurde uns um den Leib gebunden. Wir waren drei – ich bin Jahrgang 1926, die Schwestern 1925 und 1924, die anderen waren älter. Sie band uns Kindern diesen Kattun um. So konnten wir sie retten, sie nahmen sie uns nicht ab. Aber Papa zogen sie bei der Entkulakisierung sogar die Stiefel aus, die er trug.

Maria Mikljaewa
Wir lebten wie alle Bauern, gingen in die Kirche, beteten, glaubten an Gott, standen im Einvernehmen mit den Nachbarn, mit Verwandten. Dann kam die Kollektivierung, und Swobodnoje wurde eine Kolchose. Man wollte diejenigen loswerden, die reicher waren. Das heißt, sie bezeichneten sie als Kulaken. Dann wurde beschlossen, also die Obrigkeit beschloss, sie zu entkulakisieren, also zu deportieren, damit sie beim Aufbau des neuen Lebens nicht störten. Meine Familie fiel in diese Kategorie.

Tatjana Kusmina
Es war eine große Familie, und alle sind an Hunger gestorben. Wenn man herauskam, wissen Sie, sobald jemand das Dorf verließ, wurde er auf der Stelle erschossen oder zurückgeschickt. Wer das tat – ich weiß es nicht!

Maria Frolowa
I. O.: Wer hat sich damit befasst?
M. F. Der Dorfsowjet. Dann der Armutsausschuss, es gab Armutsausschüsse.
I. O. Und wer kam da hinein und wie?
M. F.: Die letzten Leute, Nichtstuer, die nie gearbeitet hatten, die nie etwas hatten, wirklich die letzten. Die standen damals ganz oben.

Antonina Charetschko
Es gab damals Unterstützungskommissionen. Die waren im Dorfsowjet. Da war der Dorfsowjet, und da tagten sie und entschieden über das Schicksal der Menschen und verschickten sie. Sie verluden uns und verschickten uns ins Dorf Brojchowezkaja. Dort waren schon viele Familien. Wir konnten nichts mitnehmen. Wir mussten alles zurücklassen, alles. Sie haben uns alles weggenommen. Es kamen Fuhrwerke, schon als wir noch zu Hause waren. Kissen, eine Nähmaschine mit Fußschalter, und die schönen Tische, die wir hatten – alles nahmen sie uns weg und verkauften es auf dem Markt.

Maria Mikljaewa
Das Kopftuch haben sie vom Kopf nicht weggerissen. Aber zusätzliche Röcke haben sie uns ausgezogen, auch der Mutter. Man musste drei Röcke übereinander anziehen, um sie behalten zu können. Aber es gab solche Pedanten, solche fanatischen Anhänger des neuen Lebens, die einen zwangen, die beiden zusätzlichen Röcke auszuziehen, einer reicht ja aus.
A. K.: Und was waren das für Leute?
M. M.: Leute aus unserem Dorf. Nichtstuer, die auf ihrem Land nicht arbeiten wollten. Knechte.

Tatjana Kusmina
Ja, und dann kam die Reihe an uns. „Kommt vom Ofen herunter“ – und wir: „Nein!“ „Kommt runter!“ Wir heulten los. Einer kam rein, wir gaben nicht nach, und dann nahmen sie einen Feuerhaken und gingen auf uns mit dem Feuerhaken… Sie zerrten uns einzeln heraus, trugen uns aus dem Haus und: „Bleibt auf dem Hof.“ Klar? Bleibt auf dem Hof. Sie nahmen uns alles weg. Und Mama kam aus der Kirche gelaufen, man hatte ihr dort gesagt, wir würden entkulakisiert.

Jekaterina Anochina
Sowie ich mich erinnere, war es ein sonniger, klarer Tag. Jemand in Reithosen kam zu uns, mit einem Heft und sagte: „Machen Sie sich fertig.“ Meine Mutter sagte: „Wohin?“ – „Zur Umsiedlung.“ Meine Mutter erhob ein Jammergeschrei, die Schwester fing an zu weinen. Wir nahmen alles, ich meinen Eisenkasten, Puppen, ich war ja erst sechs Jahre, was ist das schon. Was soll‘s. Sie platzierten uns in einem Fuhrwagen, und es ging nach Grafskaja, der Vater sprang noch im Fahren auf. Und wir, der Zug fährt vorwärts, vorwärts, immer vorwärts, und dann rückwärts, immer zurück, vorwärts, immer vorwärts bis Kotlas. Wie wir dorthin kamen und wie lange das dauerte, weiß ich nicht mehr. Wir kamen nach Kotlas, und dort setzten sie uns in einen Lastkahn.

Nina Smirnowa
Sie setzten uns Kinder in Schlitten, in Heu, in Lumpen, so wie wir waren, so brachten sie uns, kaum bekleidet, teils ohne Schuhe, zur Station. Ich erinnere mich jetzt noch daran, wie die Erwachsenen hinter den Schlitten herliefen. Es herrschte solcher Frost, dass der ganze Kopf mit Reif bedeckt war, die Leute waren ganz weiß, ihre Köpfe waren weiß, eisbedeckt, ich habe das jetzt noch vor Augen. Und wie wir schrien in diesen Schlitten – wir waren durchnässt, nicht nur kalt, und es war unter 50 Grad minus, da haben wir furchtbar geschrien. Jetzt werde ich manchmal nachts wach und denke daran, was unsere Mama durchgemacht hat, als sie das mit ansehen musste. (Weint)

Maria Mikljaewa
Als sie uns aus dem Haus holten, brachten sie Opa, Fedul Terentitsch, ins Gefängnis. Maxim und die Familie schickten sie nach Akmolinsk, es blieb nur die Oma übrig, Ustinja Alexejewna. Ihr erlaubte man, in ihrem Haus zu bleiben, in ihrem – in unserem Bauernhaus, zumindest dort zu übernachten. Und in diesem großen, geräumigen Haus richteten sie eine Kinderkrippe ein. Nun, und die Kinderfrauen, das waren alles unsere Nachbarn, unsere Leute. Und sie, die Kobsews, haben niemandem Schaden zugefügt, sie hatten einen guten Ruf. Sie hielten sie als Kinderfrau oder einfach so. Sie hatte da ihren Winkel am Ofen, schlief da, vielleicht hat sie sich auch um die Kinder gekümmert und geholfen.

Antonina Charetschko
Wir lebten da einige Zeit, und dann wurde mein Vater krank. Er wurde krank, und auch ich wurde ziemlich krank. Der Arzt sagte: „Lassen Sie sich behandeln, sonst werden Sie sterben.“ Es starben schrecklich viele Menschen. Es gab nichts zu essen, sie starben vor Hunger, man gab uns 200 Gramm und eine Streichholzschachtel mit Essen. Bis dahin war was zu Hause – aber was war schon zu Hause? Wir hatten ja nichts. Wir hatten einen Sack Maisgrütze. Sie hatten ja alles weggenommen. Alles.

Nina Smirnowa
(Weint) Einmal, als Mama nicht da war, stand auf diesem eisernen Ofen so ein gusseiserner Topf mit vielleicht einem halben Eimer, nicht mehr, warmem Wasser. Irina, die, die 1925 geboren war, sagte – lasst uns das salzen und essen. Und wir haben dieses Wasser gesalzen, Salz hatten wir ja. Und wir Mädchen haben zu dritt dieses Wasser gegessen. Mit Löffeln alles ausgelöffelt, uns sozusagen sattgegessen. Als Konfekt gab es Eiszapfen vom Dach.

Jekaterina Anochina
Am 40. Tag starb unsere Mutter. Wir saßen bei ihr. Ich hatte gerade mit dem Bruder auf dem Ofen gesessen. Sie suchte uns mit den Augen, und wir waren am Ofen. Sie gab uns zu verstehen – kommt vom Ofen und setzt euch zu mir. Wir verstanden das, kletterten vom Ofen und setzten uns zu ihr.
Sie sah meine Schwester an und sagte – sie sagte nichts, sie konnte schon nicht mehr sprechen – sie sah mich an, sah mir die ganze Zeit ins Gesicht: „Ach, du Vermaledeite! Überall steckst du deine Nase rein!“ Sie hat, und ich habe sie, kann man sagen, in der Kindheit nicht geliebt, sie hatte mich ständig getriezt, ich sollte die Kinder nicht ärgern.
Als die Mutter gestorben war, hatten wir nichts, um sie zu begraben. Sie hatte in den drei Jahren alles abgetragen. Wir hatten nichts, um ein Tuch zu waschen, keine Seife. Das Tuch hatte auf der einen Seite ein Loch, am anderen Ende war auch ein Loch, am dritten und vierten auch. Wir konnten sie nicht zudecken, wir hatten nichts, worin wir sie hätten begraben können.

Nina Smirnowa
Wir standen unter Aufsicht der Kommandantur, alle außer uns Kindern, alle, die volljährig waren. Wir standen unter Aufsicht der Staatsanwaltschaft und mussten uns jede Woche bei der Kommandantur melden. Ich ging mit Mama zusammen hin. Wir hatten kein Recht, den Ort zu verlassen, etwa Ähren zu suchen oder faule Kartoffeln. Wir durften das nicht, es war nicht erlaubt. Wir waren eben Umsiedler. So wie wir wurden sonst nur Verbrecher überwacht. (Weint)

Jekaterina Anochina
Nun ja. Sie, Mischa, Dunja, der jüngste, Fedja, war drei Jahre, aber damals war er vielleicht schon fünf-sechs, ich weiß nicht, in welchem Monat er geboren ist. Wir wollten in die Heimat fliehen. Wir sagten uns: „Im Ort ist kein Milizionär“. Wenn es im Ort keinen Milizionär gibt, so wie bei uns, dann laufen die Leute davon.
Wir warteten etwas ab. Da gibt es ja weiße Nächte. Wir warteten aber nicht so lange. Wir wussten, dass man uns verlassen hatte, das hatten wir ja gehört. Wir krochen, wir konnten nicht gehen, wir krochen, und plötzlich kam uns jemand entgegen, mit Gewehr, ich hielt ihn für einen Jäger. Er war vielleicht 45 Jahre, kann sein, mehr, vielleicht auch weniger. Er sprach gut russisch und sagte: „Seid ihr allein?“ Er begriff, dass wir allein gelassen worden waren. „Ja, Dunja und Mischa sind fortgegangen.“ „Wohin?“ „Sie sind nach Poscheg gegangen, sie wollten betteln gehen, um uns etwas mitzubringen.“ Er verstand, was los war.

Antonina Charetschko
Wir entschieden uns, Mama entschloss sich, und wir gingen los. Wir kamen zu Fuß bis Scharja. Wir waren drei Monate von diesem Wald bis Archangelsk, bis Kotlas unterwegs. Wir waren schon im Dorf, wir waren zur Essenszeit angekommen, und bis zum Abend war im Dorfsowjet schon bekannt, dass wir aufgetaucht waren. Sie sagten, wir sollten unterschreiben. Und sie nahmen uns wieder fest und brachten uns weg. Ein zweites Mal. Und zu essen gab es nichts. Wir waren mit leeren Taschen gekommen. Wo wir waren und um etwas baten, gab uns manchmal jemand ein Stück Brot, und einmal gab jemand drei Rubel! Soviel Geld hat er uns gegeben! Und jetzt waren wir kurze Zeit hier, und man hat uns gefangen und wieder nach Stawropol in die Verbannung gebracht. Und dann waren wir wieder in Stawropol. Wir saßen 14 Tage in Quarantäne, und dann teilten sie uns in Brigaden zur Baumwollernte ein.

Maria Mikljaewa
Die Bedingungen waren da natürlich schrecklich, viele waren krank, und meine Schwester und ich bekamen Dysenterie. Das war lebensgefährlich, und eine Behandlung – da hat natürlich niemand jemanden behandelt. Irgendwie gelang es dann unserem Vater, eine Erlaubnis zu bekommen, uns dort wegholen zu lassen. Sie schrieben an den Großvater, Mamas Vater, Wassili Mamonow, Gott hab ihn selig, und er begab sich nach Mittelasien und nahm uns zu sich.
Ich erinnere mich, wie wir zu Fuß aus Talowa in diesen Ort, nach Kreschtschenowka gingen, wo der Großvater wohnte. Ich weiß noch, wie ich selbst lief, hinter Großvater herlief, und der Großvater auf den Armen meine jüngere Schwester trug, die damals nicht älter als vier Jahre war. Großvater bettelte in den Dörfern, die wir passierten. Ich erinnere mich, wie wir Chleborodny erreichten, wie Großvater Halt machte, weinte, die Schwester absetzte, sich bekreuzigte und sagte: „Dank sei dir, Herr! Ich habe es nach Hause geschafft.“
Zu Hause erwartete uns natürlich die Großmutter, und alle Verwandten kamen zusammen. Die Kinder waren aus den Solowki hergebracht worden, das war doch ein Ereignis!

Jekaterina Anochina
Wie wir durch den Wald gingen, gab es da natürlich Pilze, Fliegenpilze, sie krümmten sich schon. Er sagte: „Katja, lass mich wenigstens einen Fliegenpilz essen. Ich habe solchen Hunger.“ Und ich: „Fedja, Du weißt doch, dass Onkel Grischa am Fliegenpilz gestorben ist.“ Sie – seine Frau und sein Sohn hatten ihm etwas mit Fliegenpilzen gekocht, und er ist vor unseren Augen, im Beisein der Kinder, in unserer Anwesenheit gestorben. Ich saß auf dem Ofen und sah weg, um das nicht mit anzusehen. Er krümmte sich vor Schmerz. Er starb an diesen Fliegenpilzen. Sie sind dann geflohen, und wir sind dageblieben. Dann starben die Mutter und der Vater, und wir entschlossen uns auch zu fliehen. Sie waren eben schon früher abgehauen. Schrecklich viele liefen aus dieser Siedlung fort. Sehr viele. Natürlich sind wir angekommen. Ich sagte: „Es heißt, es gibt keinen Gott.“ „Nein.“ Ich möchte sagen, es gibt Gott, nur möchte ich nicht weinen. Es gibt Gott. Wir kamen ins Dorf (weint), sie nahmen uns dort auf, begrüßten uns (weint). Da gab es solche Menschen.

Nina Smirnowa
Und jetzt liegen da alle aus unserer großen Familie. Auf diesem Foto sind 24 Personen, auf diesem großen Foto. Da fehlen noch zehn weitere Personen. Hier ist nur Walja begraben, hier, Ulins Tochter. Und mein Lenja. Und die hier waren alle in Sibirien, sie konnten nirgendwohin entkommen.

Maria Mikljaewa
A. K.: In Ihrem Leben, wie Sie es in Erinnerung haben, was war für Sie am schwersten, am schlimmsten?
M. M.: Die Zerstörung der Familie. Wir waren eine große Familie, und plötzlich waren wir in alle Winde verstreut und trauten uns nicht einmal, davon zu sprechen. ….

Drehbuch:
Aljona Koslowa, Irina Ostrowskaja (MEMORIAL – Moskau)

Kamera:
Andrej Kupawski (Moskau)

Schnitt:
Sebastian Priess (MEMORIAL – Berlin)
Jörg Sander (Sander Websites – Berlin)

Übersetzung/Untertitelung:
Vera Ammer (MEMORIAL – Euskirchen)

© MEMORIAL International 2012

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