Drehbuch: Jelisaweta Riwtschun erinnert sich: „Sie haben meinen Vater vollkommen ausgelöscht“

Jelisaweta Riwtschun wurde 1924 in einer Musikerfamilie geboren. Bis 1935 lebte sie in China. Zwei Jahre nach der Rückkehr in die UdSSR wurde ihr Vater verhaftet und erschossen.

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Ich heiße heute Jelisaweta Dawidowna Riwtschun. Mein Mädchenname ist Geigner. Im Alter von 13 Jahren habe ich meinen Vater verloren. Mit meinem Vater verlor ich auch meine Kinderträume. Als Kind wollte ich Balletttänzerin werden.

Mein Vater interessierte sich früh für Jazz. Jazz begleitete uns zuhause und im Radio und seine Melodien steckten mich an. Ich wurde für mein ganzes Leben lang eine Jazzwoman, wenn man das so sagen darf.

Im Jahre 1926 wurde meinem Vater angeboten, Dirigent am Operettentheater in Wladiwostok zu werden. Er fuhr mit uns dorthin. Im Jahre 1928 fuhr die Truppe auf eine Tour nach Charbin. Damals war das etwas völlig Normales, nach China zu fahren. Die Einreise nach China war völlig frei und unsere ganze sowjetische Truppe fuhr nach Charbin.

Es vergingen zwei oder drei Jahre und unsere Operettentruppe fiel langsam auseinander, und dann entschieden sich die restlichen Mitglieder zu einer Tour durch China.
Wir waren noch nicht ganz in Shanghai. Shanghai war schon damals nicht nur die größte Stadt innerhalb Chinas, sondern auch unter anderen größeren Staaten. Und heute hat es – wie man sagt – auch New York übertroffen. Wir blieben dort bis zum Jahre 1935. Wir kamen an und konnten die Sprache nicht sprechen. Ich und mein Bruder wurden auf eine englische Schule geschickt, ich kam in die erste Klasse, die dort Kindergarten hieß, und er kam in die dritte.

Papa begann dort neue Musik zu komponieren. Er schrieb dort dieses berühmte Ballettstück “Die Masken der Stadt”, das in den besten Theatern aufgeführt wurde. Es gab dort eine Künstlerverbindung, sie spielte in einem der besten Theater. Es hieß Laisan. Ich kann mich gut erinnern, es war das Jahr 1935, das Jahr unserer Abreise. Papa nahm mich zur Premiere mit. Wir gingen und sahen über dem Eckhaus des Theaters rote und weiße Lichter, die aufleuchteten und wieder erloschen. Und dort leuchtete unser Familienname mal rot mal weiß auf: “Masks of the City. Music by Geigner.“ Das gefiel mir sehr, dass es mein Vater war.

Plötzlich kam ein Brief aus Russland, in dem drin stand, dass der Vater meines Vaters angeblich verarmt und vor Hunger gestorben sei und dass die Leute in der Heimat hungern und sterben. Mein Vater war ein sehr guter Mann und war leicht zu beeindrucken. Er dachte, dass er daran schuld ist, dass er mit seiner Familie im Wohlstand lebt, während in der Heimat seine Verwandten sterben, die Leute, die ihm nahe standen und für die er stets gesorgt hatte. Und er entschloss sich zurückzukehren. Da wir sowjetische Staatsbürger waren und unsere Pässe nie umgetauscht und keine andere Staatsbürgerschaft angenommen hatten, konnten wir in die Sowjetunion zurückkehren, wann wir wollten. Niemand hielt uns zurück. Was in Russland geschah, wussten wir nicht, und so kehrten wir 1935 zurück.

Wie Moskau uns empfing: Wir hatten kein Zuhause, keine Anmeldung, keine Arbeit und ich und mein Bruder konnten kaum die Sprache. Wir konnten zwar sprechen, aber beim Lesen und Schreiben waren wir den Kindern aus unserem Jahrgang weit unterlegen. Das erste Jahr war schwer, aber nichtsdestotrotz kamen wir wieder rein und ich hatte bereits passable Noten. Im Jahre 1935 stellte mein Vater sein erstes Jazz-Orchester zusammen. Er holte andere Musiker ins Orchester, die zwei Instrumente spielen konnten und machte eine sehr interessante Jazz-Revue, die im Restaurant „Metropol“ vorgestellt wurde.
Seine Auftritte verliefen sehr erfolgreich. Die Nachricht über die Konzertreihe im Metropol sprach sich sehr schnell in Moskau herum. Es kamen so viele Leute, dass Plätze fehlten und im Voraus reserviert werden mussten. Alles verlief wunderbar, bis mein Vater am 3. Dezember plötzlich in der Konzertpause zum Direktor gebeten wurde. Er ging zu ihm. Dort saßen zwei Menschen. Sie zeigten ihm den Haftbefehl. Mutter suchte meinen Vater, das Konzert musste ja weitergehen und er war nicht da. Man sagte ihr, dass er zum Direktor gegangen sei. Sie lief dorthin, er saß dort und hob nicht einmal den Kopf. Offensichtlich hatte man ihn gewarnt, dass er nicht mit ihr sprechen solle. Sie sagte: “Es muss wieder losgehen, was machst du denn hier?” Sie antworteten ihr: “Ihr Mann wurde verhaftet, seien Sie so nett und bringen ihm etwas zum Umziehen.” Er durfte nur seine Lackschuhe und Sakko ausziehen. Können Sie sich das vorstellen? Man setzte ihn ins Auto und fuhr direkt zur Lubjanka. Meine Mutter wurde ins Auto gesetzt und nach Hause zur Durchsuchung gefahren.

Diese Nacht. Es sind 71 Jahre seit dieser Nacht vergangen, aber sie hat sich so sehr in mein Gedächtnis eingebrannt, dass ich das Gefühl habe, es wäre gestern passiert. Ich wurde irgendwann nach 1 Uhr nachts geweckt, ich war damals 13 Jahre alt und schlief auf einer Umzugskiste.
Daran kann ich mich gut erinnern. Sie fragten das Dienstmädchen: „Geigner lebte hier?” Er sagte lebte. Nicht ob er hier lebt, sondern lebte. Das Dienstmädchen antwortete: „Ja”. Als wir die Klappbetten wegräumten, standen sie die ganze Zeit da und bewegten sich nicht. Sie weckten mich und meinen kleinen Bruder. Wir standen auf, meine Mutter war blass wie ein Leintuch. Sie lehnte sich halbohnmächtig an irgendeinen Schrank an. Sie fingen an die Kiste, auf der ich geschlafen habe, durchzuwühlen. Sie wühlten dort herum, dort war nur irgendwelche Wäsche drin. Sie fanden nichts bis auf eine kleine Kiste mit Teelöffeln drin. Der eine legte die Kiste zur Seite. Der andere sagte: „Fass es nicht an, leg‘s zurück.“ Sie nahmen nichts mit und gingen wieder. Allerdings hatten sie aus irgendwelchen Gründen auch den Hausverwalter dabei. Er war offensichtlich schon vorher benachrichtigt worden.

Das ist sozusagen die letzte Nacht, die ich mit meinem Vater verbinde. Als alle gingen, waren wir völlig erstarrt und saßen bis zum Morgen da. Morgens fuhr ich mit meinem Brüderchen in die Schule und Mama ging von Gefängnis zu Gefängnis, um meinen Vater zu suchen. Nach einigen Tagen fand sie ihn auf einer Häftlingsliste des Butyrka-Gefängnisses. Zwei Monate lang konnte sie ihm im Gefängnis irgendwelche Geldsendungen übergeben lassen, dann sagten sie, dass er versetzt wurde und nicht mehr auf der Liste war. So hat sich seine Spur verloren.
Es fing ein fürchterliches und schreckliches Leben an, voller Kränkung und Vergessenheit. Unsere Tür blieb stets zu, niemand rief uns an oder erinnerte sich an uns. Die Mutter wurde angerufen und man sagte ihr, sie solle nicht zur Arbeit kommen. Und so verging die Zeit. Nach zwei Monaten sagte mir die Lehrerin plötzlich: „Lisotschka, der Direktor hat nach dir gefragt“. Als ich in sein Arbeitszimmer ging, versagten fast meine Beine.

Ich dachte, sie würden mir sagen, dass ich nicht in die Schule gehen darf, genauso wie meine Mutter nicht zur Arbeit gehen durfte. Mir würden sie sagen: „Dein Vater ist Volksfeind, du darfst nicht in die Schule gehen.“ Davor hatte ich Angst.

Ich war ein dünnes kleines Mädchen, ich ging in das Zimmer hinein und fing unwillkürlich an zu weinen. Der Direktor umarmte mich, drückte mich an sich und fragte: „Ist die Mama zuhause?“ Ich habe damals nicht verstanden, was das bedeutete, jetzt verstehe ich es. Er wollte wissen, ob ich und mein Bruder alleine geblieben sind. Ich sagte: „Ja“. Er sagte: „Na Gott sei Dank! Warum weinst du dann?“ Ich sagte: “Ich habe Angst, dass man in der Schule erfährt, dass mein Vater verhaftet wurde.“ Und er sagte: Du Dummerchen, hab keine Angst, in deiner Klasse hat schon die Hälfte der Schüler keine Väter mehr zuhause, so wie bei dir.“

Als man ihn … Am Morgen nach dieser Nacht kam er nicht mehr zurück. Mit meinen 13 Jahren habe ich noch nicht verstanden, was eine Verhaftung ist. Ich wusste, im Gefängnis sitzen Verbrecher, Diebe und Mörder. Und plötzlich ist dort mein Vater, so ein wunderbarer, so ein gutherziger, so ein reiner Mensch. Ich habe schon verstanden, dass das ein Fehler ist. Als ich aus der Schule zurückkam, habe ich als allererstes nachgeschaut, ob seine Mütze und Mantel am Kleiderständer hingen. Seine Schuhe waren etwas abgelaufen und ich ließ darauf neue Absatzblätter anbringen, damit er das sieht, wenn er zurückkommt. Dann fing ich an, ihm Briefe zu schreiben. Ich schrieb, was in meiner Klasse passiert, mit wem ich mich gestritten habe, mit wem ich mich angefreundet habe. Die Briefe habe ich unter dem Klavier versteckt. Nach zwei Jahren haben wir renoviert. Das Klavier wurde verschoben und die Briefe kamen zum Vorschein. Meine Mutter war völlig verwirrt. “Was ist das?” Dort waren um die 40 Briefe, als sie sie gelesen hatte, war sie außer Fassung.

Ich habe mich so sehr bemüht, irgendwelche Spuren zu finden und habe die Erinnerung an ihn nicht losgelassen. Sogar jetzt, wo so viele Jahre vergangen sind, habe ich ihn immer noch jung in Erinnerung. Er war ein wunderbarer, gutherziger, hilfsbereiter Mensch und half immer allen Verwandten und allen Freunden.

Wir haben zehn Jahre lang auf meinen Vater gewartet, weil man meiner Mutter damals, als sie ihn suchte, mitteilte: „Ihr Mann ist zu zehn Jahren Haft ohne das Recht auf Korrespondenz verurteilt“. Wir dachten, das sei die Wahrheit, wenn man es uns in so einer soliden Behörde sagt, deswegen warteten wir zehn Jahre lang.

Nach 16 Jahren haben wir es erfahren. Nein, erst nach 19 Jahren, im Jahre 1956 haben wir erfahren, dass er einen Monat nach der Verhaftung erschossen wurde. Fünf Tage bevor er vierzig Jahre alt wurde.

In diesen zwei Jahren, die wir hier waren, von 1935 bis 1937, hat er es geschafft, die Musik zum Kinofilm „Das Mädchen und die Trauben“ mit Scheimo und Tschirkow zu komponieren. Allerdings war im Nachspann von einem Komponisten Strelnikow statt meinem Vater die Rede. Ich habe im Archiv „Belye Stolby“ angerufen. Sie sagten: „Wir haben nur diese Information, wir wissen es nicht. Wir bekommen die Informationen und veröffentlichen sie so wie sind“. So wurde mein Vater nicht nur als Mensch, sondern auch als Künstler ausgelöscht.

Wissen Sie, ich hatte vor 1956 einen Traum. Ich konnte einfach nicht glauben, dass ich nie beweisen kann, dass er völlig unschuldig ist. Ich war besessen von dieser Idee. Und wie man so sagt, das Schicksal nahm mich in Schutz. Die Behörden haben ohne mein Zutun für Recht gesorgt. Verstehen Sie? Und jetzt kommen Sie nach 70 Jahren, um nach ihm zu fragen. Für mich ist das Glück, pures Glück, dass er wie aus dem Nichts auferstanden ist, wenn auch nur für kurze Zeit.

Drehbuch:
Aljona Koslowa, Irina Ostrowskaja (MEMORIAL – Moskau)

Kamera:
Andrei Kupawski (Moskau)

Schnitt:
Sebastian Priess (MEMORIAL – Berlin)
Jörg Sander (Sander Websites – Berlin)

Übersetzung/Untertitelung:
Boris Kazanskiy (MEMORIAL – Bonn)

© MEMORIAL International 2012

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