Drehbuch: Stalins Tod

Am 5. März 1953 starb der Führer der Sowjetunion, Josef Stalin. Das ganze Land erstarrte in Erwartung. Was würde jetzt passieren? .

Jakow German – im Jahre 1941 aufgrund seiner deutschen Nationalität verfolgt.
Irina Satwornizkaja – in Harbin geboren und in den 50er-Jahren in die UdSSR repatriiert.
Georgi Kowalewski – Familienangehörige wurden als Kulaken (Großbauern) verfolgt.
Semjon Kolegaew – 1947 verhaftet, Lagerhaft in der Region Primorje sowie in Kolyma.
Dawid Markisch – wurde nach der Erschießung seines Vaters, des bekannten jüdischen Schriftstellers Perez Markisch, zusammen mit seiner Familie nach Kasachstan verbannt.
Marija Mikljaewa – Familienangehörige wurden als Kulaken verfolgt.
Juri Najdenow-Iwanow – 1951 verhaftet, Lagerhaft in Kasachstan.
Nikita Nikulin – Familienangehörige wurden als Kulaken verfolgt.
Eduard Otten – Eltern repressiert, 1943 Verhaftung und Verurteilung zu Gefängnisstrafe.
Walentina Pawlenko –Familie repressiert, 1947 verhaftet, war in den Lagern von Salechard-Igarka.
Aleksei Prjadilow –1943 Verhaftung im Alter von 16 Jahren, verbrachte 13 Jahre in Lagern und Verbannung.
Jelisaweta Riwtschun – in Harbin geboren, kehrte mit der Familie 1935 in die UdSSR zurück. Zwei Jahre später wurde ihr Vater, der Komponist Dawid Gejgner, erschossen.
Wjatscheslaw Rudnizki – 1949 verhaftet, Lagerhaft in Kasachstan.
Michail Tamarin – zweimalige Festnahme, Lagerhaft in Kolyma und Verbannung in der Region Krasnojarsk.
Walentina Tichanowa – Eltern repressiert, Vater und Mutter wurden erschossen.
Juri Fidelgolz – 1948 verhaftet, Lagerhaft in Tajschet und Kolyma.
Marija Frolowa – Familienangehörige wurden als Kulaken verfolgt.
Olga Zybulskaja – Vater erschossen, Mutter verbüßte Lagerhaft im Akmolinsker Lager für Ehefrauen von Vaterlandsverrätern.
Rosa Schowkrinskaja – Schwester und Vater wurden verfolgt, der Vater starb im Lager.

Reaktionen auf Stalins Tod

Georgi Kowalewski
G.K.: Als Stalin starb, erholte ich mich gerade im Sanatorium der Militärakademie in Sakach.
I.O.: Also in der Ukraine.
G.K.: Ja, in Sakach gibt es ein gutes Militär-Sanatorium, mit Schlammanwendungen. Und da sagten sie, dass Stalin gestorben war. Und wir gingen zusammen in die Kirche zur Totenmesse.
I.O.: Wieso plötzlich für Stalin in die Kirche?
G.K.: Ja, zur Totenmesse in die Kirche, um den teuren, lieben Stalin zu beweinen.
Nikita Nikulin
Ich war damals Inspektor für Eisenbahnwagen im 2. Kotelnitscher Betrieb. Ich ging in die Stadt, zum früheren Domplatz, wo sich jetzt das Kulturhaus befand. Draußen gab es Lautsprecheransagen, alle stehen und weinen: Ach, Stalin ist tot. Und ich denke: Na, so was, hat Gott ihn endlich zu sich genommen. Wie viel Rechtgläubige hast du umgebracht? Wohin gelangt deine Seele?
Olga Zybulskaja
Wissen Sie, ich glaubte ganz fest an Stalin. Und als er im März 1953 starb, kam ich gerade von der Schule, und meine Schwester Irina weinte so sehr, sie schluchzte unentwegt und fiel immer wieder in Ohnmacht. Und ihr Mann Wladimir Alexejewitsch sagte: „Ira, was soll das? Ein Blutsauger ist gestorben, der deinen Vater umgebracht, dein Leben und das deiner Mutter ruiniert hat.“ Und sie: „Wolodja, hör auf, ich werde mit dir nicht reden, so etwas hätte Stalin niemals getan.“ Kurz, ich dachte, unsere Welt ging unter. Ich erinnere mich daran, wie ich schluchzte, und Gott-weiß-wie weinte. Für mich war Stalin eine Ikone.
Marija Mikljajewa
Woran wir dachten? Unterschiedlich. Nun, Genosse Stalin, an ihn hatten wir uns gewöhnt. Tränen flossen. Für uns war er der Vater der Völker, Bewahrer unseres Glücks. Wir hatten sogar einen Lehrer, den Ehemann der Schuldirektorin. Und dieser begann und beendete jede Unterrichtsstunde mit folgendem Ritual: Die Kinder standen auf und sprachen im Chor: „Danke, Genosse Stalin, für unsere glückliche Kindheit.“
Walentina Pawlenko
Ich weinte und weinte. Ich bedauerte Stalins Tod. Ich wuchs auf mit der Losung „Wir danken dem Genossen Stalin für die glückliche Kindheit und unsere glücklichen Tage.“ Meine Tage sind tatsächlich glücklich gewesen. Die Zirkel im Haus der Pioniere, in der Schule. Also sah ich Stalin auch positiv! Und das ganze heutige Gerede ist einfach nur dummes Geschwätz. Man sollte nichts auf andere abwälzen. Kannte mich etwa Stalin oder gab Stalin den Befehl mich zu verhaften? Wir wurden von unseren Nächsten, unseren Nachbarn verhaftet. Nicht wahr? Warum alles auf Stalin schieben?
Rosa Schowkrinskaja
In der Schule fand die Totenmesse für Stalin statt. Niemand weint, niemand. Und Mama war bekannt. Sie sang und war Klageweib. Der Vorsitzende des Dorfsowjets schickte nach ihr: „Geht und holt Kystaman für Stalins Totenmesse.“
Mama ging zur Schule, begegnete einer Nachbarin und die fragte: „Wohin gehst Du?“ – „Man ruft mich, Stalin ist tot.“ „Ich werde nicht gehen. Sollen doch die Hunde seine Knochen fressen! Wirst du ihn jetzt etwa beweinen?“, fragt sie. Mama antwortet: „Was hat er denn damit zu tun? Er ist doch auch ein Geschöpf Gottes.“ Und Mama begann ihn zu beweinen: „Stalin! Möge dein Haus verbrennen, Stalin! Du hast dein Haus angezündet und meines auch! Ach, armer Stalin! Du hattest nur ein Paar Stiefel! (Ich weiß nicht, woher sie das hatte.) Ach, mein armer, kluger, gelehrter Stalin. Von allen wurde er belogen, alle haben dich gegen dein dich liebendes und verehrendes Volk aufgebracht.“ Der ganze Saal schluchzte, der ganze Saal. So beweinte Mama Stalin.
Irina Satwornizkaja
Das Wetter in Harbin war scheußlich! Wind und Regen peitschten gelben Schlamm auf. Alle Häuser, alle Fenster, alles war mit Schlamm beschmiert. Großmutter sagte über Stalin: „Er ist der Antichrist. Der Antichrist ist gestorben, deshalb haben wir so ein Wetter.
Michail Tamarin
Ich war zu dieser Zeit in der Verbannung. In der Region Turuchansk. Dort lebten vor allem diese Litauer, fast in der ganzen Siedlung lebten Litauer. Sie gingen mit fröhlichen, lächelnden Gesichtern umher, als sie erfuhren, dass Stalin tot war. Sie riefen keine Losungen, waren aber sehr glücklich, verstehen Sie?
Semjon Kolegajew
Der Lagerleiter kam in die Baracke und sagte: „Also, Jungs, ihr wisst, dass Stalin gestorben ist. Vielleicht haben einige für ihn nicht viel übrig. Aber bitte verhaltet euch still und loyal. Keine lauten Meinungsäußerungen. Was tun? Wir haben unseren Führer verloren. Was bedeutet er euch? Befragt euch selbst. Aber bitte keine Reden.“ Ich komme in die Qualitätskontrolle. Kurz nach seinem Tod. Die Beisetzung. Dort sitzen meine Frauen. Dort gibt es nur Frauen. Ein einziges Geheul. Und ich schaue sie an und frage: „Was ist passiert?“ Und sie: „Wissen Sie das etwa nicht?“ Ich: „Nein.“ „Stalin ist tot.“ „Stalin! Und ich dachte, einer Ihrer Verwandten wäre gestorben, so wie Sie weinen!“ „Nicht umsonst hat man Ihnen eine Haftstrafe aufgebrummt, Sie wurden zu Recht verurteilt. Das haben Sie nicht anders verdient, Parasiten! Sie waren und sind unsere Feinde. Wissen Sie nicht, was für einen Menschen wir verloren haben? Jetzt wird uns Amerika auffressen. Wir haben doch nur dank Stalin gelebt.“
Aleksej Prjadilow
Die Nachricht von Stalins Tod habe ich per Radio in einer Nachbarsiedlung empfangen. Sie berichten im Radio davon und die Reaktionen… Nun, die meisten dort waren ehemalige Häftlinge, Verbannte: „Hurra!“. Es gab auch einige Offiziere und so. Die reagierten anders. Während unsere Reaktion war: „Endlich ist er krepiert!“ Also kamen wir in der Siedlung zusammen um darauf zu trinken.
Walentina Tichanowa
Die Menschen um mich herum brachen in Tränen aus, schluchzten und weinten. Ich erinnere mich daran, wie auf Arbeit unser Jeremei Melikadse weinte. Aber ich erinnere mich nicht daran, dass die Mitarbeiter heftig weinten. Bei uns blieb alles irgendwie ruhig. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass mich der Verlust schmerzte. Im Gegenteil, ich wohnte damals in der Maly Koslowki Gasse. Nebenan, in der Bolschoi Charitonjewski Gasse, wälzten sich die Menschenmassen, bis hin zum Kirow Tor und zur Trubnaja Straße, wo dieses mörderische Gedränge war. Bei uns war die Straße dicht an dicht mit Menschen vollgestopft. Ich schaute mir das an und sagte mir – nein, ohne mich. Ich ging einfach nicht hin. Und ich fühlte nichts. Weder schmerzte mich der Verlust noch verspürte ich Schadenfreude. Nichts. Ich fühlte nichts, wusste nicht, dass ein Tyrann von uns ging. Für mich war Jeschow eher der Schuldige.
Jelisaweta Riwtschun
Wie traurig wir waren! Mein Junge war 6 Jahre alt, 1947 geboren, und 1953 starb Stalin. Und so ging mein Mann mit unserem Jungen dorthin,
I. O.: In den Kolonnensaal.
J. R.: … um Abschied zu nehmen. Zum Glück wurden sie nicht totgetrampelt. Nach einigen Stunden kamen sie mehr tot als lebendig zurück. Sie waren unter Autos hindurchgekrochen, im Stadtzentrum liefen die Menschen förmlich übereinander!
I. O.: Kamen sie denn ans Ziel?
J. R.: Die Trauer war unbeschreiblich!
I. O.: Wie denn?
J. R.: Wir hatten einen Neffen. Als man sie in der Schule antreten ließ und verkündete, dass Stalin gestorben war, verlor er das Bewusstsein und fiel um. Nun ist er schon ein betagter Mann. All die Jahre erinnern wir uns an diese Anekdote. Aber so waren wir erzogen. Was denken Sie, Stalin war ein Gott. Ein Gott!
Marija Frolowa
Ich fürchtete mich davor, nachts auf den Hof zu gehen, um Holzscheite oder anderes zu holen. Ich denke, jetzt packt mich hier der tote Stalin. Für uns war er ein solches Wesen, das überall seine Flügel ausbreitete. ….

Hoffnungen, Erwartungen und Ängste nach Stalins Tod

Juri Najdenow-Iwanow
Sowohl im Butyrka-Gefängnis als auch im Lager stand die Abkürzung UdSSR für „Stalins Tod rettet Russland“. Und genau so war es auch. Kaum hatte Iossif Wissarionowitsch seine Seele dem Herrn übergeben, begannen bei uns verschiedene Änderungen. So wurden wir von der Wachmannschaft anders behandelt. Viele weinten. Aber viele freuten sich, rieben sich die Hände und sagten: „Endlich wird sich etwas ändern.“ Und so war es auch.
I. O.: Und was erwarteten Sie?
J. N.: Wie bitte?
I. O: Welche Erwartungen verbanden Sie selbst damit?
J. N.: Ich glaubte natürlich daran, dass Stalins Tod Russlands Rettung wäre.
Wjatscheslaw Rudnizki
Ich habe folgendes Gedicht verfasst:
Doch das Leben will es anders.
Einst unsterblich, nun entseelt.
Rettung brachte uns sein Tod,
Und nicht Onkel Sam und Harry Truman.
Denn damals sagten uns die Aufseher ständig: „Umsonst wartet ihr auf Truman!“, weil wir angeblich darauf warteten, dass uns die Amerikaner befreien würden.
Dawid Markisch
Die Familie erstarrte vor Schrecken, da die Erwachsenen glaubten, dass es schlimmer würde, dass auf Verbannung das Lager folgen würde. Die Kulaken weinten, was mich zutiefst erschütterte. Ich wusste was Kulaken waren, ich war 13 ½ Jahre alt, kein Kind mehr. Warum weint ihr?
N. B.: Warum sollte man auch weinen?
D. M.: Lachen soll man! Ich dachte nicht daran zu weinen, ich fand das sehr gut.
Jakow German
Ich erinnere mich an diese Sirenen! Viele Menschen fragten sich: Was kommt jetzt? Nun geht die Sowjetunion unter. Ich durfte nichts sagen, doch ich war von Herzen froh, dass er tot war. Hätte ich etwas gesagt, wäre ich für viele Jahre im Gefängnis gelandet. Als die Sirenen heulten, habe ich auch meine Mütze abgenommen und bin aufgestanden. Doch ich dankte Gott dafür, dass er nicht mehr da war. Vielleicht verbessert sich endlich irgendetwas.
Juri Fidelgolz
Jeder sprach über Stalins Tod. Alle erstarrten, hatten Angst etwas Falsches zu sagen, fürchteten, dass es schlimmer würde. Sie befürchteten, ein noch schlimmerer Tyrann würde an Stalins Stelle folgen, und man würde alle unterm Wachturm aufstellen und mit einer Maschinengewehrsalve dahinstrecken. Für die Wachmannschaften wäre das ein Kinderspiel. Wir fürchteten uns vor der Willkür der Militärs, die in ihrem Zorn um des Führers Tod alles Mögliche mit den wehrlosen Gefangenen anstellen könnten.
Das waren unsere Befürchtungen und wir duckten uns wie Kaninchen. Ich sah niemanden, der sein Hemd aufriss, lostanzte und schrie: „Jetzt ist er krepiert!“ Im Gegenteil, alle hatten Angst.
Vor allem die alten Genossen, die man für Trotzkisten hielt, unterhielten sich sehr vorsichtig darüber: „Wen gibt es denn noch, Chruschtschow? Wen noch, vielleicht Berija?“ Welche Kandidaten gibt es? Wer folgt auf Stalin? Wen hätten wir gern? Solche Gespräche gab es, und man unterhielt sich sehr vorsichtig darüber.
Aleksej Prjadilow
Wir waren überzeugt davon, dass sich die Innenpolitik ändern würde, und zwar zum Besseren. Wenn wir alle also bis auf weiteres verbannt waren, dann waren wir überzeugt, dass die Verbannung enden würde und wir von hier wegfahren dürften.
Eduard Otten
Ich arbeitete in einem Betrieb für Elektrogeräte. Als ich am 5. März 1953 in die Werkhalle kam, standen die Maschinen still, niemand arbeitete. Ich kam rein, und alle umringten mich: „Was hältst du davon?“ Sie wussten, dass ich Absolvent des Pädagogischen Instituts war und mich in Geschichte auskannte.
Sie fragten: „Wie geht es weiter?“ Und ich antwortete: „Jetzt beginnt der Machtkampf.“

Drehbuch:
Aljona Koslowa, Irina Ostrowskaja (MEMORIAL – Moskau)

Kamera:
Sergei Gorbunow
Andrei Kupawski
Iwan Kupzow
Sergei Missarow

Schnitt:
Sebastian Priess (MEMORIAL – Berlin)
Jörg Sander (Sander Websites – Berlin)

Übersetzung/Untertitelung:
Irina Raschendörfer (MEMORIAL – Berlin)

© MEMORIAL International 2012

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